Augenblick 01 – Joachim

Joachim vor seinem Atelier in Göttingen

Das ist Joachim.
Er ist Bildhauer – seit mehr als 30 Jahren. Er hat ein Atelier in Göttingen, vor dem er seine Steine bearbeitet. Man trifft ihn dort vor der Tür auf der Straße, nah am Stadtwall, wenn er gerade an einer weiteren Skulptur arbeitet. Dort habe ich ihn auch angetroffen, zusammen mit einer Freundin. Wir kamen ins Gespräch über eine seiner Figuren, „Die Läuferin“.
Ich habe ihn für mein Projekt ausgewählt, da er mit seinem blauen Gewand und seinen weißen Haaren eine besondere Erscheinung ist. Ich habe ihn dann direkt gefragt, ob ich ihn fotografieren könne, und ihm mein Vorhaben und das Projekt „Augenblick“ erklärt. Er war einverstanden. Insbesondere faszinierte ihn, die erste Person zu sein und damit etwas Neues zu beginnen. Dazu bin ich ein paar Tage später vorbeigekommen. Auch wenn es morgens etwas geregnet hatte – das Licht war für Portraits genau richtig. Es sind ein paar Fotos entstanden. Ich habe nun dieses Foto gewählt, da er dem Betrachter direkt in die Augen schaut. Mir gefiel dieser konzentrierte Blick.

Technische Daten zum Foto: Canon 5D Mark II, 50mm 1,4 @ f=2.2, ISO 200, 1/1000s. Ohne Blitz/Hilfsmittel.

Bei welcher Beschäftigung verlierst du die Zeit aus dem Auge?

Für Joachim ergibt sich dieser Moment bei der direkten Arbeit mit den Steinen. Dabei arbeitet er in Handarbeit mit Hammer und Eisen. Für ihn ist es bei diesem kreativen Prozess wesentlich, den Kopf „frei“ zu haben, ohne dabei immer wieder auf die Uhr zu schauen. Doch auch bei ihm gibt es Termine für Arbeiten, Absprachen, sei es nur, um sich für ein Foto zu treffen.
Im Gespräch über den (Zeit)-Druck unserer Gesellschaft war ihm wichtig, einen Unterschied zwischen „frei von“ (z.B. Zwängen) und „frei zu“ zu machen. Gerade bei der Arbeit als Künstler reiche es nicht aus, nur „frei von“ etwas zu sein, sondern man müsse auch (im Sinne von Jean Paul Sartre) „frei zu“ der eigenen Bestimmung, beim Schaffen von etwas Neuem sein.
Interessant fand ich daher seine Sichtweise der Steinbildhauerei. Jeder Schlag, jedes Stück, das aus dem Stein gelöst wird, ist unwiderruflich. Eine irreversibler Schritt. Wie im Leben selbst wird etwas durch Entscheidungen verwirklicht und manifestiert.

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Bei den Fotos und unserem Gespräch habe ich auch Anna kennengelernt. Sie ist Malerin und teilt sich das Atelier mit Joachim. Sie erstellt Federzeichnungen und Gemälde mit dem Schwerpunkt altgriechischer Mythologie. Bei ihr gerät die Zeit beim Malen ihrer Bilder in den Hintergrund. Beim selbständigen Arbeiten, ganz ohne Chef, Großraumbüro, Stechuhr. Allerdings – Aus ihrer Sicht muss das „Vergessen der Zeit“ nicht zwingend bei einer vordergründig kreativen Tätigkeit passieren. Ob es Computerspielen, Kochen oder Hunde trainieren ist, es geht letztlich darum, sich bei etwas wohl zu fühlen und es zu genießen.
Für mein Projekt habe ich mir auferlegt, nur eine Person pro Tag zu portraitieren – da es aber ein so nettes Gespräch zu dritt war, ist hier auch ihr Foto.

Anna

Für mich ist dieser Artikel ein wichtiger Schritt.
Ich habe die Überwindung gefunden, ein Foto-Projekt zu starten und meinen ersten Teilnehmer anzusprechen. Ich danke Joachim und Anna für das sehr interessante Gespräch, sowie dafür, mich für mein Projekt zu ermutigen.

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Dieser Artikel ist Nummer 01 von 60 – des Projekts „Augenblicke“.

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Vor:                Augenblick 02 – Michael

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